Japanisierung der Vorstellungskraft?:
Kulturelle Globalisierung und neue Andersartigkeit
Talk at at German-Japanese Center, Berlin, 31/10/2007
This is the German version of the mini-lecture I gave in the Symposium:“Cool Japan”: Bildexporte, Globalisierung, interkulturelle Begegnungen, on the 31st of October, 2007, at German-Japanese Center, Berlin. I like to express thanks to Prof. Jaqueline Berndt for the excellent translation.
Von „Cool Japan“ merkt man eigentlich kaum etwas, solange man sich in Japan aufhält. Jedenfalls kommen mir die verschiedenen kulturellen Elemente, die Japans coolness ausmachen — Manga, Anime, Games, Jugendkulturen, Konsumkultur, Essen etc. —, nicht cool vor; nicht einmal in Shibuya, wo sie sich verdichten. Der erste Eindruck japanischer Großstädte ist der einer ungeheuren semiotischen Wucherung und Datenflut, einer Verquickung widersprüchlichster Vorstellungen. Aus solchen kulturellen Mischungen speist sich auch Tokyos Energie, doch zugleich hat man es hier mit einer seltsam introvertierten, verschlossenen Stadt zu tun. Historische Ordnung und logische Kohärenz sind zwar gewaltsam adaptiert worden, Ironie und Zynismus gibt es hingegen kaum. Die postmoderne Eklektizität dieser Stadt ist eine durch und durch naive; sie mutet geradezu naturgegeben an.Aber Kulturprodukte aus Japan wirken durchaus cool, wenn man ihnen außerhalb Japans begegnet, in einer Umgebung, die durch eine andere Sprache und andere kulturelle Maßstäbe geprägt ist. Zum Beispiel würde ich kaum auf die Idee kommen, japanische Gegenwartsautoren wie Murakami Haruki auf Japanisch zu lesen, doch es gefällt mir, deren Übersetzungen in einer ausländischen Buchhandlung stehen zu sehen. Genauso geht es mir mit Übersetzungen japanischer Comics, und ich finde es spannend, wenn Nichtjapaner Kimono tragen oder sich in Japans traditionellen Kampfsportarten und darstellenden Künsten üben. Mit anderen Worten, die besagte coolness ergibt sich nicht aus einem inneren Wesen der japanischen Kultur, sondern vielmehr aus deren Verpflanzung in andere Kulturen, aus einem Prozeß des „Übersetzens“.
Bekanntlich wird die japanische Kultur heute nicht zum ersten Mal als cool rezipiert. So war man Ende des 19. Jahrhunderts in Europa von ukiyoe-Farbholzschnitten, netsuke und buddhistischer Kunst fasziniert, von der Kultur der Edo-Ära, die im Zuge der staatlichen Verwestlichungspolitik vielen in Japan damals als überholt galt. In den 1960er Jahren, zur Zeit der Hippie-Kultur, gab es dann eine starke Neigung zu nichtwestlichen Geisteswelten, allen voran der indischen. In diesem Zusammenhang entdeckt man für sich Zen, Kampfkunst und Teezeremonie, Nô-Spiel, Kabuki-Theater und Tanz (butô) und zwar als etwas zutiefst Meditatives. Und jedesmal, wenn Japans Kultur den Westen ästhetisch faszinierte, haben Japaner über diese Anerkennung durch den „Anderen/Fremden“ ihre eigene kulturelle Identität gebildet. Anders gesagt, die „kulturelle Tradition“, die Japaner als ihr Eigenes empfinden, ist sozusagen über den Blick des westlichen „Anderen“, über die Verinnerlichung eines fremden Begehrens entstanden.
Damit stellt sich die Frage, ob das Cool Japan der Gegenwart, also der jüngste Japan-Boom, der diesmal hauptsächlich an der Populärkultur ansetzt, nichts weiter als eine Neuauflage vergangener Moden ist, oder ob sich damit ein kulturelles Wechselverhältnis ankündigt, welches es in den 150 Jahren seit Japans Modernisierung so noch nie gegeben hat. Ich würde mit Letzteres wünschen. Mehr noch, ich denke, dass man die gegenwärtige Lage nutzen muss, um neuartige Austauschverhältnisse zu entwickeln. Dafür aber hat man sich zu fragen, was denn überhaupt „neu“ sein soll. Und eben darum geht es mir mit den folgenden Überlegungen.
Bei den Japan-Moden der Vergangenheit, von denen es zumindest die zwei genannten gab, fanden vor allem traditionelle Kunstgegenstände und Architektur bzw. die hochgradig vergeistigte Kultur von Zen und bushidô Beifall. Als Flugzeuge noch nicht dem Massenverkehr dienten und elektronische Medien wie das Internet noch nicht zur Verfügung standen, konnte man sich eine fremde Kultur wahrscheinlich nur als verfeinerten kulturellen contents vorstellen. Das betrifft nicht nur die Rezeption japanischer Kultur im Westen, sondern umgekehrt auch die Rezeption westlicher Kultur in Japan. Das Bild, das man sich früher von der japanischen Kultur machte, war somit stark durch Exotismus und Ästhetisierung gekennzeichnet. Und auch das innerjapanische Japan-Bild, also das auf der Internalisierung des westlichen Blicks beruhende kulturelle Selbstbild war ästhetisierend-hochkulturell ausgerichtet.
Eine „Japanizität“, die sich ihrer selbst anhand von Zen und bushidô, Teezeremonie und Kabuki-Theater versichert, ist für normale Japaner etwas „Offizielles”, eine Ausgeh-Identität sozusagen. Man bringt sie gegenüber ausländischen Gästen ins Spiel, wenn man die eigene Landeskultur zu erklären sucht, oder auch unter Japanern, so es sich um „förmliche“ Kontexte handelt (z.B. wenn im Unterricht über die japanische Kultur diskutiert werden soll). In der Privatsphäre, also unter Freunden oder in der Familie, ist es eher unwahrscheinlich, dass Kunstgegenstände oder „traditionelle Kultur“ die zentralen Elemente nationalkultureller Identität abgeben. Was man dort für „japanisch“ hält, ist aus meiner Sicht zu allererst die japanische Sprache und das eng damit verbundene Gemeinschaftsbewusstsein. Dahinter verbirgt sich eine bestimmte Kommunikationslogik: Japaner möchten gern glauben, dass Nichtjapaner diese beiden Elemente verschlossen bleiben.
Eingedenk dessen zurück zum Phänomen Cool Japan. Zentral für dieses ist nicht die sogenannte traditionelle oder hohe, sondern die populäre Kultur, und zwar die der ganz normalen Kinder und Jugendlichen im gegenwärtigen Japan. Sie ist weniger durch verfeinerte ästhetische Werte als durch eine allgemeinere Kommunikationslogik geprägt, durch ein Fehlen kultureller Absicherungen und durch eine bestimmte Exzessivität im Ausdruck von Wünschen und Phantasien. Das ist jedenfalls bei den meisten Manga und Anime der Fall. Natürlich sind auch sogenannte traditionelle Bühnenkünste wie Nô und Kabuki Teil des Repertoires von Cool Japan. Aber selbst diese „Hochkultur“ rezipiert man heutzutage im Ausland nicht mehr andächtig als etwas vollkommen Fremdes; eher sucht man das unmittelbar Interessante, den leichten Zugang. Das entspricht neueren Trends in Japan: Die alten Theaterformen sind für heutige Jugendliche etwas Poppiges. (Zu Beginn habe ich gesagt, dass ich nichts Cooles an Japan finde, solange ich mich innerhalb des Landes aufhalte — das liegt wahrscheinlich an meinem Alter, denn für die Generation meiner Studenten hat die traditionelle Kultur Japans etwas „Cooles“.)
Um Spaß an Kabuki oder am traditionellen Puppentheater zu haben, braucht man Vorkenntnisse. Viele Theater bieten heutzutage für Jugendliche Audioguides an, die während der Vorstellung die nötigen Erklärungen liefern. Damit werden die Jugendlichen den Ausländern gleich: So wie die ausländischen Zuschauer sich an die Projektionen englischer Untertitel am Bühnenrand halten, so erleben sie jetzt das traditionelle Theater ihres Landes in Form einer Übersetzung. Gerade durch diesen „Übersetzungsprozess“ entsteht für gegenwärtige junge Japaner eine coolness der japanischen Kultur. Als „Hochkultur“ werden Kabuki und Puppentheater jedenfalls nicht mehr rezipiert. Doch das waren sie für die einfachen Bürger der Edo-Zeit ja auch nicht. Die „traditionelle“ Kultur scheint sich nicht grundlegend gewandelt zu haben, sondern vielmehr an ihren Ausgangspunkt zurückzukehren. Der seit dem späten 19. Jahrhundert existierende Rahmen, in dem sich die japanische Kultur nach außen wie nach innen als etwas unnötig Tiefgründiges und Erhabenes darstellte (und umgekehrt in Japan die westliche Kultur als ein schwer erreichbares, unnötig hohes Ideal galt), dieser Rahmen ist in Auflösung begriffen.
Die neue Art, Kunst gleichzeitig mit real-time-Erklärungen wahrzunehmen, ob im traditionellen Theater oder im Museum, ist äußerst bemerkenswert. Für mich ist es das Gleiche, sich Live-Übertragungen von Theateraufführungen mit Untertiteln anzuschauen oder zu googlen, um sich mehr Informationen zu dem Fernsehprogramm zu verschaffen, das man gerade verfolgt. Man versenkt sich nicht mehr in ein Werk, sondern verhält sich zu diesem auf mehreren Ebenen gleichzeitig. Das Bewusstsein richtet die Aufmerksamkeit auf die Bilder vor Augen und lauscht gleichzeitig verschiedenen Meta-Informationen, betrachtet sich also selbst beim Betrachten. Das ähnelt der Wahrnehmung eines Cyborgs wie Robocop, auf dessen innerem Monitor unterhalb der jeweiligen Landschaft die verschiedensten Zahlen und Wortdaten erscheinen.
Das war bereits in Japans vormoderner Kunst angelegt, hat sich jedoch in letzter Zeit besonders stark entfaltet, vor allem in Manga and Anime. Deren Fiktionen mögen im All spielen, in einem Edo, durch das Samurai stolzieren, oder auch in der Welt heutiger Angestellter; als hundertprozentige Wirklichkeit werden diese Welten von ihren Betrachtern allerdings nicht erfahren. In Manga finden sich — selbst in den ernstesten Szenen — plötzlich Elemente, die nicht dorthin zu gehören scheinen. So mag z.B. ein karikaturesker Autor seine eigenen Figuren von jenseits des Panelrands foppen. Eine solche, auf verschiedenen Bewusstseinsebenen gleichzeitig operierende Wahrnehmung ist keine besondere Eigenschaft des Manga im engen Sinne, sondern bestimmt heute generell ästhetisches Erleben. In ebendiesem Sinne kann man die gegenwärtige Erfahrung von Kunst wohl als mehr oder weniger „mangaesque“ bezeichnen.
Gleichzeitig lässt sich diese Form der Erfahrung als „dissoziative“ Kulturrezeption verstehen und mit „multiplen Persönlichkeiten“ vergleichen. Aber nicht in einem pathologischen Sinne, sondern vielmehr im Sinne einer Haltung, die es erlaubt, der Datenflut der Mediengesellschaft zu begegnen. Diese Haltung zeigt sich m.E. im Extrem bei den sogenannten otaku (geeks, nerds) mit ihrer Überangepasstheit an die neue informationelle Umwelt. Man braucht nur an sexuelle Darstellungen im Manga und die damit verbundenen Probleme zu denken. An den Ständen des komiketto, der großen Messe der Amateurzeichner, findet man viele Arbeiten, die abwegige Formen des Geschlechtsverkehrs in einer solchen Unverblümtheit darstellen, dass man die Augen davor verschließen möchte, und diese sind keineswegs als Underground gedacht, sondern als Produkt von ganz normalen Jugendlichen für ganz normale Jugendliche. Bekanntlich enthalten bereits die Mangamagazine für Mittel- und Oberschüler im freien Handel explizite Darstellungen, die in vielen westlichen Gesellschaften nicht akzeptabel wären.
Sobald irgend etwas passiert, werden diese Darstellungen nach außen hin zum Gegenstand von Kritik und Kontrolle, doch viele Japaner scheinen damit im Grunde genommen keine Probleme zu haben. Denn otaku-Jungen, die gern SM-Comics lesen, zeigen persönlich ganz gewöhnliche sexuelle Neigungen. Bei der Rezeption entsprechender Comics wird Sex nicht direkt als Sex, sondern vielmehr als ein Zeichen oder Muster konsumiert. Ich versuche hier nicht, obszönes Lesegut für Kinder zu rechtfertigen. Mich interessiert einfach, warum Kinder eine aus Sicht des rein sexuellen Interesses enorme Menge pornographischer Bilder und Geschichten konsumieren müssen. Und ich denke, dass sie das tun, um in einer von Pornographie überfluteten Welt zu überleben, um darin sozusagen bei Verstand zu bleiben.
Das Problem reicht weit über das Sexuelle hinaus. Im kulturellen Umfeld der Gegenwart, das uns eine große Menge an Informationen aufdrängt, besitzt ein integriertes Subjekt mit einem starken Selbst offenbar nicht so viel Anpassungsfähigkeit wie ein gewissermaßen „dissoziatives“ oder „multiples“. Eine solche vom bisherigen Ideal verschiedene Subjektform sowie die entsprechenden Muster kultureller Rezeption und Kommunikation finden sich m.E. in den von Japan hervorgebrachten kulturellen Informationen kodiert. Diese Informationen gelangen per „Übersetzung“ in andere sprachliche und kulturelle Kontexte und beeinflussen die dortigen Leser bzw. Zuschauer. Cool ist also nicht, dass bestimmte Informationen als „japanische Kultur“ wahrgenommen werden, sondern dass man sie „wie ein Japaner“ wahrnimmt. (Auf japanischer Seite hat das zur Folge, dass sich die alten Grenzen zwischen „außen“ und „innen“ verschieben, sich die Haltung zur fremden Kultur als eines willkommenen Gastes auflöst.) Das ist neu; zumindest stand es bei den vorherigen Japan-Moden nicht im Vordergrund.
Um zum Schluss zu kommen: Ich bin nicht der Meinung, dass sich die Popularität der gegenwärtigen japanischen Kultur deren überdurchschnittlichem contents verdankt. Cool Japan einfach auf einen bestimmten contents zurückzuführen, bedeutet, es von den bisherigen Japan-Moden nicht grundsätzlich zu unterscheiden. Es kann nicht ausreichen, die Ausbreitung japanischer Comics entweder als Trivialisierung zu beklagen oder umgekehrt als frischen Wind enthusiastisch zu begrüßen. Und es ist auch nicht mit Sprüchen getan, Japan müsse selbstbewusster sein, seine Geschäftsgrundlagen stärken. Wenn Cool Japan wirklich den Beginn eines neuartigen Kulturaustauschs anzeigt, dann muss damit ein grundlegender Wandel der entsprechenden Kontexte und Subjekte einhergehen. Das gilt es kritisch zu erkennen, sonst endet Cool Japan als ein oberflächliches Kulturphänomen und der historische Wandel, den es befördert, bleibt
unbegriffen.
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(C)Hiroshi Yoshioka